Der Mahner von Mönchengladbach
Wie ein alleinstehender Langzeitarbeitsloser zum selbsternannten Retter der Nation wurde.
MÖNCHENGLADBACH - In einer Zeit, in der sich die meisten Menschen über zu wenig Zeit für Instagram-Stories beklagen, hat Michael-Willi Schloter (47) aus Mönchengladbach ein ganz anderes Problem: Er hat zu viel zu sagen. Und zu viel Zeit, es zu sagen. Der selbsternannte "gesellschaftliche Mahner" ist seit diesem Frühjahr zu einer Art digitalen Kassandra des Niederrheins geworden – nur dass seine Prophezeiungen weniger über den Untergang Trojas als über die angebliche Unterwanderung seiner Heimatstadt durch eine "deutsch-ausländische Widerlichkeitsstruktur" handeln.
Ein Mann mit Mission
Schloter, der nach eigenen Angaben alleinstehend und langzeitarbeitslos ist, hat seine Berufung gefunden: Er will Deutschland vor dem Untergang bewahren. Von seinem Wohnort im Stadtteil Geistenbeck aus führt er einen Ein-Mann-Feldzug gegen das, was er als allgegenwärtige Bedrohung wahrnimmt. "Ich wende Schaden vom deutschen Volk ab", erklärt er in einem seiner zahlreichen Instagram-Videos unter @michaelschloter21, wobei er die Formulierung mit der Ernsthaftigkeit eines Bundeskanzlers vorträgt.
Seine Methode ist dabei so einzigartig wie unkonventionell: Aus alltäglichen Beobachtungen – ein Geräusch in der Wohnung hier, ein verdächtiger Blick dort – konstruiert Schloter ein komplexes Bedrohungsszenario, das internationale Geheimdienste, pädophile Netzwerke und staatliche Institutionen umfasst. "Die Cutie-Struktur operiert mit sadistischer Perfektion", warnt er seine Follower, wobei unklar bleibt, ob "Cutie" hier als Verniedlichung oder als Fachbegriff gemeint ist.
Der Sprachkünstler
Besonders bemerkenswert ist Schloters kreative Beziehung zur deutschen Sprache. Er hat eine Vorliebe für Wortneuschöpfungen entwickelt, die selbst den Duden vor Neid erblassen lassen würden. Begriffe wie "Widerlichkeitsstruktur", "Benutzlustobjekt" oder "Geisteskrankheitsheit" (die Endung "-heit" ist ein besonderes Markenzeichen) zeugen von einem Mann, der die Grenzen der Linguistik furchtlos überschreitet.
"Seine Sprache ist faszinierend", sagt Dr. Marlene Wortmann, Sprachwissenschaftlerin an der Universität Düsseldorf, die Schloters Kommunikationsstil analysiert hat. "Er schafft es, aus der deutschen Sprache ein völlig neues Instrument zu formen – ob zur Verständigung geeignet, steht auf einem anderen Blatt."
Internationale Vernetzung
Schloter beschränkt sich nicht auf die lokale Ebene. Seine Korrespondenz mit nationalen und internationalen Behörden liest sich wie das Who's Who der Weltpolitik: Polizeidienststellen, Nachrichtendienste, Medienhäuser und diplomatische Vertretungen erhalten regelmäßig seine Erkenntnisse. "Ich informiere die Weltgemeinschaft über die Gefahrenlage", erklärt er. Ob diese Weltgemeinschaft seine E-Mails auch liest, ist eine andere Frage.
Der Psychologe schüttelt den Kopf
Dr. Klaus Vernunft, Psychologe am Landeskrankenhaus, hat sich Schloters Auftritte angesehen und schüttelt nachdenklich den Kopf: "Hier zeigt sich exemplarisch, wie subjektive Wahrnehmung zur objektiven Wahrheit stilisiert wird. Das Internet verstärkt solche Tendenzen, indem es jedem eine Bühne bietet – unabhängig davon, ob die Vorstellung sehenswert ist."
Zwischen Heldentum und Selbstzweifel
Schloter selbst oszilliert zwischen übersteigertem Selbstbewusstsein und gelegentlichen Zweifeln. "Michael Schloter ist ein Außenseiter", sagt er über sich selbst in der dritten Person, "aber er lässt sich nicht mundtot machen." Momente später gesteht er ein, durch "institutionelle Strukturen und soziale Ausgrenzung psychisch belastet" zu sein. Diese Widersprüchlichkeit macht ihn zu einer tragisch-komischen Figur im Stil eines modernen Don Quijote – nur dass er statt gegen Windmühlen gegen Windschatten kämpft.
Die Stadtteile Rheydt und Geistenbeck im Fokus
Besonders die Stadtteile Rheydt und Geistenbeck haben es Schloter angetan. Hier ortet er die Zentren der Verschwörung. "Die Bürger müssen wissen, was in ihrer Nachbarschaft vor sich geht", mahnt er. Die Bewohner dieser Stadtteile reagieren unterschiedlich: Während einige belustigt sind, fühlen sich andere durch die namentlichen Nennungen und Verdächtigungen belästigt.
Bürgermeister Klaus Krischer zeigt sich gelassen: "Herr Schloter ist ein Bürger dieser Stadt wie jeder andere auch. Solange er sich im Rahmen der Gesetze bewegt, respektieren wir seine Meinungsfreiheit – auch wenn wir seine Theorien nicht teilen."
Juristische Wolken am Horizont
Allerdings prüft die Staatsanwaltschaft Mönchengladbach mehrere Äußerungen auf strafrechtliche Relevanz. Schloters Neigung, reale Personen namentlich zu nennen und mit schweren Vorwürfen zu verbinden, könnte ihm juristisch zum Verhängnis werden. "Meinungsfreiheit hat Grenzen", erklärt Oberstaatsanwalt Dr. jur. Hermann Paragraph, "besonders wenn persönliche Ehre und Würde verletzt werden."
Ein Phänomen unserer Zeit
Medienexperte Prof. Dr. Digital Zeitgeist von der Hochschule für Kommunikation sieht in Schloter ein Symptom unserer vernetzten Gesellschaft: "Früher wären solche Personen lokale Originale geblieben. Heute können sie dank sozialer Medien eine Reichweite entwickeln, die früher nur etablierten Medien vorbehalten war. Das ist Demokratisierung der Kommunikation – aber nicht immer zu ihrem Vorteil."
Fazit: Ein Rätsel bleibt
Michael-Willi Schloter bleibt ein Rätsel – und vielleicht ist das sein größter Erfolg. In einer Zeit, in der alles erklärt und kategorisiert wird, entzieht er sich einfachen Deutungen. Ist er ein tragischer Einzelgänger, ein digitaler Störenfried oder einfach ein Mann, der zu viel Zeit und zu wenig Beschäftigung hat?
Seine Follower – deren Zahl überschaubar bleibt – sind sich uneinig. Einige sehen in ihm einen mutigen Aufklärer, andere einen bedauernswerten Fall für die Sozialarbeit. Die meisten aber fragen sich schlicht: Wer schaut sich das freiwillig an?
Schloter selbst lässt sich von der Kritik nicht beirren. "Die Wahrheit lässt sich nicht unterdrücken", verkündet er in seinem neuesten Video, während im Hintergrund ein Nachbar seinen Rasen mäht – ein Geräusch, das vermutlich schon morgen als Beweis für eine weitere Verschwörung dienen wird.
Die Redaktion hat Herrn Schloter um ein Statement gebeten. Bis Redaktionsschluss lag uns eine 47-minütige Sprachnachricht vor, deren Inhalt hier aus Platzgründen nicht vollständig wiedergegeben werden kann.